Mit dem erstmals veröffentlichen Compliance-Report (WADA-Version zum Nachlesen) hat die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA nationalen Verbänden Zeugnisse für die Umsetzung ihres 2009 letztmals novellierten WADA-Codes aus dem Jahr 2002 ausgestellt. Deutschland wird dabei eine vorbildliche Umsetzung des Anti-Doping-Regelwerks bescheinigt, wie auch weiteren 154 Staaten.
“Die Anti-Doping-Arbeit in Deutschland gilt als Vorbild. Die deutschen Verbände haben zu diesem Ergebnis maßgeblich beigetragen”, wird Dr. Lars Mortsiefer, Vorstandsmitglied der Nationalen Anti-Doping-Agentur NADA in einer kurzen Presseerklärung zitiert. Seit dem Jahr 2004 überwacht die WADA die Umsetzung der einzelnen Verbände und gibt diese Ergebnisse nun erstmals in einem Bericht bekannt. 49 Staaten werden nach diesem mit der Note mangelhaft in der Umsetzung des WADA-Codes beurteilt, darunter auch die europäischen Länder Griechenland und Portugal oder die südamerikanischen Länder Argentinien und Brasilien. Letzteres ist immerhin Ausrichter der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2014. “Wir dürfen uns nicht von der Tatsache einschüchtern lassen, dass einige Nationale Anti-Doping-Organisationen noch einen Weg bis zur Einhaltung der Vorgaben des Codes vor sich haben”, kommentierte WADA-Präsident John Fahey diesen Umstand.
Was bei den 49 Staaten im Kampf gegen den Einsatz unerlaubter Mittelchen jedoch im Argen liegt, wird durch den Bericht nicht beantwortet. Eine Nachfrage des Deutschlandfunks zur Art der Prüfung beantwortete die WADA nicht. Doch eines scheint sicher: Über die tatsächliche Effizienz der Doping-Verfolgung sagt der Compliance-Report relativ wenig aus. So wurden im Jahr 2010 bei 8.108 NADA-Trainingskontrollen lediglich sieben deutsche Athleten des Dopings überführt – das entspricht 0,086 Prozent. Eine Studie des Saarbrücker Wissenschaftlers Eike Emrich aus dem Jahr 2008 ergab hingegen, dass rund 35 Prozent der deutschen Kaderathleten dopen. Weltweit sei laut dem Mainzer Sportwissenschaftler Perikles Simon von 40 bis 60 Prozent gedopter Eliteathleten im Erwachsenenbereich auszugehen. Noch erschreckender erscheinen die Ergebnisse einer weiteren Studien Simons, wonach bereits im Nachwuchsbereich 8 Prozent der Athleten mit unerlaubten Mitteln in Berührung gekommen sind.
Laut Simon sei die schlechte Erfolgsquote der Analytik auch den unzureichenden Nachweismethoden geschuldet, es fehle an Methoden, um invasiven Dopingpraktiken wie z. B. Gendoping, Mischformen verschiedener EPO-Präparate oder Blutdoping aufzuspüren. Es sei daher sinnvoller, wesentlich mehr als die gegenwärtig etwa 2 Prozent der im Dopingkampf eingesetzten Mittel für die Weiterentwicklung der Analytik auszugeben, um entsprechende Nachweisverfahren zu entwickeln. Dazu seien Synergien mit der pharmakologischen, molekularbiologischen und genetischen Forschung ein probates Mittel für die Zukunft des Anti-Doping-Kampf. Wissenschaftler Simon rät zwecks Verbesserung der Effektivität des Anti-Doping-Kampfes grundsätzlich weniger auf Analytik zu setzen,sondern die eingesetzten Mittel stärker als bisher auf Maßnahmen der Prävention und der Anwendungsoptimierung von Methoden aus der Kriminalistik wie beispielsweise der Überwachung und Aufdeckung von Doping zu konzentrieren.
“Wir bekommen die dummen Doper, aber nicht die klugen”
WADA-Generalsekretär David Howman (Quelle: Zeit-Online)
Diesbezüglich hat sich nun auch WADA-Generalsekretär David Howman klar positioniert. “Glaubt ihr denn wirklich, wir hätten die Möglichkeiten, einen findigen Dopingsünder zu verfolgen? Ich glaube, wir haben sie nicht”, sagte der Neuseeländer vor kurzem in Paris auf einer Pressekonferenz den Repräsentanten der Länder, die zuvor die Unesco-Konvention gegen Doping im Sport unterzeichnet hatten. “Wir bekommen die dummen Doper, aber nicht die klugen”, so die klaren Worte Howman (siehe auch).
Im vergangenen Jahr wurden weltweit 258.267 Dopingstests durchgeführt, von denen “nur” 36 auf das beliebte Blutdopingmittel Epo anschlugen, was die These von Wissenschaftler Simon nochmals unterstreicht. Und so kommt auch WADA-Chef Howman zu der Erkenntnis, dass die Strafverfolgung von Ärzten, Trainern, Managern und all denen, die das Dopen unterstützten, auf die Agenda eines “seriösen” Anti-Doping-Kampfs gehören. “Wie vielen Ärzten und Anwälten wurde wegen ihrer Verstrickung in Dopingfälle das Handwerk gelegt?” Zumindest in diesem Punkt sind Länder wie Österreich, Spanien, Italien oder Frankreich der Bundesrepublik einen Schritt voraus. So drohen in Österreich, Italien und Frankreich neben den Hintermännern auch dem gedopten Sportler selber strafrechtliche Konsequenzen bis hin zum Gefängnis.